Der 9. August 2024 zeigt mir Belfast von seiner vielschichtige Seite. Zwischen neugotischer Eleganz, viktorianischer Gefängniskälte und den Mauern des Bürgerkonflikts erlebte ich eine Stadt, die nie stillsteht. Geschichte begegnet einem hier an jeder Ecke – manchmal eindrucksvoll restauriert, manchmal roh, manchmal schmerzhaft. Vielleicht ist sie gerade deshalb: faszinierend lebendig.
St. Malachy’s Church – Gotik in Ziegel und Putz
Ich begann den Tag mit einem Besuch in der St. Malachy’s Church, unweit meines Hotels. Diese katholische Kirche wurde zwischen 1841 und 1844 erbaut – in einer Zeit, in der es für Katholiken in Belfast nicht selbstverständlich war, eine eigene Kirche zu haben.
Von außen eher unscheinbar, entfaltet sich ihre Pracht im Inneren: ein atemberaubendes Fächergewölbe, inspiriert von der Henry VII Chapel in Westminster Abbey, ziert das Kirchenschiff. Die Farbigkeit – Weiß, Gold, Purpur – und das ornamentale Detailreichtum erzeugen eine lichte, fast engelsgleiche Atmosphäre.
Ich saß eine Weile in der hinteren Bankreihe und ließ den Raum wirken – ein Ort der Stille inmitten einer Stadt mit lauter Vergangenheit.
Rathaus von Belfast – Prunk und Politik
Nur wenige Minuten Fußweg entfernt liegt das Belfast City Hall, ein Paradebeispiel für edwardianische Architektur. Eröffnet 1906, symbolisierte es den wirtschaftlichen und politischen Anspruch Belfasts als industrielle Metropole.
Ich schloss mich einer kostenlosen Führung an: Die Eingangshalle mit Marmorsäulen und Glaskuppel beeindruckte sofort. Im Inneren sind historische Exponate zur Stadtgeschichte ausgestellt – von Industrieentwicklung über das Frauenwahlrecht bis zum Titanic-Bau.
Draußen umrundete ich das Gebäude durch die gepflegten Gärten mit Denkmalen für Kriegsopfer, die Titanic und Queen Victoria. Die Mischung aus Grün und Granit, Vergangenheit und Gegenwart war bemerkenswert harmonisch.
Crumlin Road Gaol – Mauern mit Geschichte
Am frühen Nachmittag begab ich mich zur Crumlin Road Gaol, dem ehemaligen Gefängnis von Belfast, das von 1845 bis 1996 in Betrieb war.
Die Führung war eindrucksvoll – sachlich und eindringlich zugleich. Ich durchquerte Zellentrakte, unterirdische Flureund sogar die ehemalige Hinrichtungskammer. Erschütternd: Über ein Dutzend Menschen wurden hier hingerichtet, meist wegen Mord oder politischer Aktivitäten.
Die Geschichte des Gefängnisses spiegelt die wechselhafte Geschichte Nordirlands wider – von der viktorianischen Strafjustiz bis zum The Troubles, in denen hier sowohl republikanische als auch loyalistische Gefangene saßen.
Peace Wall – Wo Farben sprechen
Am späten Nachmittag lief zur Peace Wall in West Belfast – eine von mehreren Mauern, die heute noch katholische und protestantische Viertel trennen.
Die Mauer selbst ist rund 8 Meter hoch, mit Stacheldraht gekrönt – ein Symbol des jahrzehntelangen Konflikts. Doch was einst trennte, ist heute auch eine Leinwand: Graffiti, Zitate, Friedensbotschaften, internationale Besuchereinträge.
Ich umrundete einen Teil der Mauer und sah mir auch die umliegenden Viertel an. War irgendwie ein seltsames, bedrückendes Gefühl
Letzter Stadtrundgang – Abschied mit Weitblick
Zurück im Zentrum ließ ich den Tag bei einem erneuten Spaziergang ausklingen – diesmal ohne konkretes Ziel. Ich schlenderte durch das Cathedral Quarter, beobachtete Straßencafés, lauschte einem Straßenmusiker mit Geige vor der Saint Anne’s Cathedral und trank schließlich ein Pint in einem traditionellen Pub, der über 100 Jahre alt war.
