Am 11. August 2024 begab ich mich auf eine Tagestour durch das Zentrum Irlands – eine Rundfahrt durch die Geschichte. Von normannischen Burgen über klösterliche Ruinen bis hin zu georgianischen Stadtresidenzen reihte sich ein Zeugnis der Vergangenheit ans nächste. Jede Station war ein Kapitel – Irlands Mittelalter, Renaissance und Aufklärung.
Athenry Castle – Normannisches Bollwerk in Takt
Ich startete gegen 9:00 Uhr in Roscommon und fuhr zunächst Richtung Westen nach Athenry, einer der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Irlands. Das Athenry Castle, erbaut um 1235 von Meiler de Bermingham, thront noch heute mächtig über dem Fluss Clareen.
Der rechteckige Wohnturm wurde restauriert und ist heute ein nationales Denkmal. Besonders beeindruckend war der rekonstruierte hölzerne Dachstuhl, der das Leben in einer normannischen Burg plastisch machte. Im Inneren führten Infotafeln durch die Geschichte des Baus, der Belagerungen und der Bedeutung Athenrys als normannisches Verwaltungszentrum.
Ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt offenbarte zudem Teile der Stadtmauer, mittelalterliche Straßenzüge und das alte Marktkreuz – ein Fenster ins 13. Jahrhundert.
Portumna Castle – Renaissance an Irlands größtem See
Von Athenry führte mich die Route weiter südlich nach Portumna, direkt am nördlichen Ufer des Lough Derg. Das dortige Portumna Castle, erbaut um 1618 von Richard de Burgo, ist eines der wenigen Beispiele elizabethanischer Architektur in Irland – eine Kombination aus Burg und Herrenhaus.
Ich erkundete das Erdgeschoss, das restaurierte Eingangsportal und den angrenzenden formalisierten Renaissancegarten, der nach historischen Plänen wieder angelegt wurde. Die Wohnräume waren schlicht, aber eindrucksvoll – hohe Kamine, Steinböden, tiefe Fensterlaibungen.
Besonders schön: der Blick vom Gelände hinüber zum See, wo Segelboote leise über das Wasser glitten.
Portumna Friary – Klösterliche Stille im Grünen
Nur wenige Gehminuten vom Schloss entfernt liegt das Portumna Friary, ein ehemaliges Dominikanerkloster aus dem 15. Jahrhundert. Heute ist es eine ruhige, teilweise überwachsene Ruine – ein Ort, der eher gefühlt als besichtigt wird.
Ich durchschritt den erhaltenen Chorbereich, sah das spitzbogige Fenster mit Maßwerk und Reste von Wandmalereien. Das Gelände ist frei zugänglich, umgeben von Wiesen und uralten Bäumen – ein Platz zum Innehalten. Die Mönche verließen den Ort nach der Auflösung unter Cromwell, doch die spirituelle Ruhe ist geblieben.
Roscrea Castle – Vom Verteidigungsbau zur Residenz
Weiter ging es nach Roscrea, eine Stadt mit tiefen historischen Wurzeln. Das Roscrea Castle, erbaut um 1280 unter König Eduard I., war einst Teil eines normannischen Verteidigungsnetzes entlang der Ost-West-Achse.
Der Komplex besteht aus einem Wohnturm, zwei runden Wehrtürmen und einem inneren Hof. Die Besonderheit: Teile der Anlage wurden im 18. Jahrhundert zur Stadtresidenz umgebaut.
Ich nahm an einer kurzen Führung teil, bei der auch das benachbarte Damer House besichtigt wurde – ein georgianisches Herrenhaus, errichtet in den 1720er Jahren.
Damer House – Eleganz der Aufklärung
Das Damer House, im Hof des Roscrea Castle gelegen, ist ein seltenes Beispiel frühgeorgianischer Architektur in Irland. Die Fassade schlicht, aber harmonisch, das Innere voller Symmetrie, hoher Fenster und klassischer Proportionen.
Die Ausstellung im Haus zeigte Möbel, Gemälde und Architekturpläne. Besonders bemerkenswert war der Kontrast zur mittelalterlichen Burg direkt daneben – zwei Jahrhunderte auf wenigen Metern Abstand. Der Garten hinter dem Haus war klein, aber gepflegt, mit Sichtachsen auf das Castle – ein schöner Schlusspunkt für diesen Doppelbesuch.
Roscommon Castle – Ruine mit Weitblick
Am frühen Abend kehrte ich nach Roscommon zurück und machte einen letzten Halt an der Ruine des Roscommon Castle, erbaut um 1269 von Robert de Ufford.
Die Anlage war einst eine quadratische Burg mit vier Ecktürmen, wurde mehrfach zerstört und wieder aufgebaut – zuletzt von Hugh O’Conor, dem König von Connacht. Heute stehen nur noch die gewaltigen Außenmauern und einzelne Turmreste.
Ich umrundete die Anlage, die im Licht der Abendsonne beinahe golden wirkte. Auf einer Wiese davor saßen Familien, Kinder spielten – ein Ort, der Geschichte mit Gegenwart vereint.
